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Exotic Strings

27.05.2010 - 17.07.2010

Michael Strasser

Michael Strassers Arbeiten kombinieren Fotografie, Installation und Performance und bewegen sich zwischen diesen Medien, die er dem jeweiligen Konzept entsprechend verwendet. In der künstlerischen Auseinandersetzung mit persönlichen Erlebnissen, Themen und Orten, aber auch mit gefundenen Objekten, stellt er Fragen nach gesellschaftlichen Zusammenhängen. Bei der Umsetzung steht nicht nur das Endergebnis, sondern vor allem der Prozess des Weiterdenkens im Mittelpunkt. Dabei ist die Serie ein wichtiger Aspekt in der Realisierung von Ideen, bei der auch skulpturale Momente immer wieder von Bedeutung sind.
Ausgangspunkt für die Ausstellung in der Stadtturmgalerie und das Buchprojekt sind gesammelte Materialien, die auf einer dreimonatigen Reise durch die USA inklusive Hawaii, Japan und Indien im Sommer 2008 entstanden sind. In der Beschäftigung damit sowie bei der Aufarbeitung und Umsetzung der vor Ort entwickelten Konzepte, tauchte immer wieder der Begriff der „Exotik“ auf.
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Michael Strasser, Victorian Mourning Jewellery, 2010
Sowohl die Ambivalenz des Begriffs „Exotik“, als auch die Frage nach dessen Relevanz in einer globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts, waren Anlass, die im Nachklang der Reise realisierten Projekte auf diesen Begriff hin zu untersuchen und zu hinterfragen. Christian Reeder schreibt darüber in „Exotic Strings a Compilation”: „Michael Strasser geht solche Fragestellungen mit seinen künstlerischen Möglichkeiten an, als subtile Beschäftigung mit vorgeblich Fremdem. Es wird nicht vereinfacht, sondern in erzählender, bildhafter Weise Komplexität visualisiert. (...) Auf ‚Exotisches’ und Transferbeziehungen wird durch Situationen, Produkte, Materielles aufmerksam gemacht, nicht durch fremd wirkende Menschen.“ (Christian Reeder, „In other times and different spaces“ in „Exotic Strings a Compilation”, Hrsg. Michael Strasser, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2010, S. 23)
Aus der Beschäftigung und Hinterfragung des Begriffs „Exotik“ ist neben neuen Arbeiten auch die Idee zum Buch entstanden. Von Beginn an war für Michael Strasser klar, dass es wichtig ist weitere Personen in dieses Projekt mit einzubeziehen, um eine Vielschichtigkeit und Diversität zu ermöglichen Mit den Arbeiten junger KünstlerkollegInnen und neu verfassten Texten von AutorInnen werden unterschiedliche Aspekte zum Thema in den Diskurs eingebracht. Eine wissenschaftliche, aus einer postkolonialen Tradition heraus argumentierende Aufarbeitung, wurde dabei bewusst ausgeklammert. Exotik bedeutet grundsätzlich etwas Fremdes, aber ist dennoch von der eigenen Definition und Interpretation abhängig. Über das Exotische schreibt Anshuman Dasgupta: „Das Exotische ist ein translokales Konstrukt. Generell entsteht es auf der Basis des Unbekannten und seiner Darstellung. Es fußt auf dem Argument des Standpunkts, der Logik von Innen und Außen sowie einer Repräsentationsethik, die besagt, dass jemand das Recht habe, jemanden anderen darzustellen.“ (Anshuman Dasgupta, „Erster Informationsbericht: Kontingenz / Kulturen“, in „Exotic Strings a Compilation”, Hrsg. Michael Strasser, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2010, S. 58)
Der Titel „Exotic Strings a Compilation“, der bewusst Bezüge zur Musik herstellt, verweist noch einmal auf unterschiedliche Möglichkeiten der Sichtweise und der Definition. Wenn jemand zum Beispiel eine Gitarrenseite spielt, klingt es für jeden anders und diese Idee der individuellen Interpretation, gilt im Besonderen auch für die (Be-)deutung des Terminus „Exotik“.
In der Ausstellung zeigt Michael Strasser Arbeiten, die in unterschiedlicher Weise darauf Bezug nehmen.
Die Installation im gewölbten Raum 1, inszeniert ein Teil eines alten, im Keller gefundenen Klaviers zu einem Objekt. Einzelne heraus gelöste „strings“ (= Saiten) werden wie Gedankenfäden mit dem Raum verknüpft. Seines ursprünglichen Inhalts enthoben und doch an seine musikalische Vergangenheit erinnernd, stellt sich die Frage wie es gespielt werden kann beziehungsweise wie es in seiner neuen Form rezipierbar ist.
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Ausstellungsansicht, Foto: Michael Strasser
Das Motiv von Fäden taucht auch in den Fotos der Serie „Improvisationen“ auf – diesmal in Form von unsystematisch montierten Moskitonetzen. In Indien, der letzten Station seiner Reise, dokumentiert er sehr persönliche Eindrücke und Herausforderungen, die im Gegensatz zum indischen Alltag keine Menschen zeigen. Zur dieser fotografischen Serie meint Anshuman Dasgupta: „Michael beschäftigt sich mit den Räumen, in denen er auf seiner Reise durch Indien vor einem Jahr offenbar gewohnt hat. Er sieht diese mit nüchternem und gefasstem Blick, der wohl seinen Erlebnissen in Städten wie Jaipur, Pune, Delhi, Mumbai usw. geschuldet ist. Auf seinen Reisen nahm er Fotos auf, auf denen ausschließlich die zentralen Motive nach sorgsam gewählten Inszenierungen aussehen. (..) Die Sujets dieser Kompositionen sind Moskitonetze. Bisweilen erkennt man die Andeutung schlafender Silhouetten innerhalb der Netze und Hinweise auf Provinzhotels in Jaipur, Pune, Mumbai oder Delhi.“(Anshuman Dasgupta, „Erster Informationsbericht: Kontingenz / Kulturen“, in „Exotic Strings a Compilation”, Hrsg. Michael Strasser, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2010, S.65 u.70)
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Michael Strasser, „Private Home Mumbai” aus der Serie „Improvisationen”, 2008
Michael Strasser selbst schreibt über diese Arbeiten: „Die Fotografien beschreiben ein Sich-Schützen: Temporär erschaffene Welten, die sowohl die Angst vor Krankheiten, als auch den Rückzug und die Konfrontation mit sich Selbst thematisieren. Das Improvisieren stellt aber auch eine direkte Verbindung zum indischen Alltag dar, denn die Slums der Großstädte könnten ohne Improvisationen nicht existieren.“
Ebenfalls in Raum 1 ist die Installation „Victorian Mourning Jewellery“ mit einem Paar Ohrringen als zentralem Objekt zu sehen, die er in einem Antiquitätengeschäft in Brooklyn während seines Atelierstipendiums in New York entdeckt hat. Betrachtet werden kann diese Victorian Mourning Jewellery durch Vergrößerungslinsen, die Details sichtbar machen. Was Michael Strasser daran interessiert, ist die Geschichte hinter diesem aus Haaren von Verstorbenen gefertigten Trauerschmuck. Heute erscheinen uns diese Schmuckstücke wohl exotisch und befremdend, aber vor allem im viktorianischen England war dieser Brauch des Gedenkens weit verbreitet.
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Michael Strasser, „MyHotel NewDehli”, aus der Serie „Improvisationen”, 2008
In der Ausstellung ist außerdem die Installation „Blew Hawaii“ zu sehen, die 2009 im „Austrian Cultural Forum New York“ als Teil des „OPEN SPACE UNCURATED 2009: CREATIVE MIGRATION Project“ gezeigt wurde. Ausgangspunkt der Mixed Media Installation sind Fotografien des zerstörten Coco Palms Resorts auf K’auai, Hawaii. Dieser High Society Treffpunkt der 50er und 60er Jahre war Schauplatz des Filmes „Blue Hawaii“, dem Ersten von drei auf Hawaii gedrehten Filmen mit Elvis Presley. 1992 wurde die Anlage von Hurrikan „Iniki“ stark in Mitleidenschaft gezogen und nicht mehr wieder instand gesetzt. Für diese Installation arbeitet Michael Strasser auch erstmals mit Musik. Auf sechs tragbaren Plattenspielern aus dieser Zeit werden jeweils ein bis zwei Loops des Titelsongs wiederholt und zu einer dissonanten Soundcollage verwoben, um tradierte Vorstellungen von Begriffen wie „Paradies“ und „Erfolg“ zu hinterfragen und die ihnen eingeschriebene Ambivalenz zu thematisieren.
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Installationsansicht „Blew Hawaii“, Foto: Michael Strasser
Die Werke aus der Serie „Assembled in Japan“ nehmen Bezug auf Wirtschaftshandel und Wirtschaftsprodukte. Die meisten in Japan erhältlichen Waren kommen aus dem Ausland. Die überdurchschnittlich hohen Einfuhrzölle bringen große Konzerne dazu, ihre Endfertigung nach Japan zu verlegen. So kommt es, dass beispielweise ausländische Hersteller komplette Neuwagen mit einer fehlenden Autotüre importieren, um diese dann in Japan einsetzen zu lassen. Das Ergebnis ist ein Auto „Assembled in Japan“. Die mehrteilige Fotoserie mit dem gleichnamigen Titel bezieht sich auf diese Phänomene internationaler Wirtschaftsstrategien. Begrenzt durch die gelbe Bodenmarkierung eines in Tokyo typischen Parkplatzes werden zahlreiche internationale Produkte in Variationen zu einer japanischen Skulptur „assembled“ (= zusammengefügt). Als Mixed Media Installation waren dieselben Produkt bereits 2008 im Heiligenkreuzerhof in Wien unter dem Titel „Designed in Japan, Assembled in Austria“ zu sehen.
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Michael Strasser, „Assembled in Japan #1”, 2008
Naoko Kaltschmidt schreibt dazu: „Die Arbeiten »Assembled in Japan« und »Designed in Japan, Assembled in Austria« veranschaulichen zum einen die mit Vorsicht zu genießenden, vereinfachten Zuschreibungen von Produkten, die in Wahrheit häufig eine viel kompliziertere Entstehungsgeschichte vorweisen, als es den Anschein macht; zum anderen werden wir in beiden Fällen mit dem mythologischen Motiv der Büchse der Pandora konfrontiert: der Reisekoffer als Behältnis von allerlei Gerätschaft, deren Einfuhr und somit ebenso ökonomische wie kulturelle Einflussnahme nicht mehr rückgängig zu machen sind. Sowohl der Parkplatz als auch das Schiff lassen sich in diesem Zusammenhang als Chiffre für einen vollzogenen Transfer, für Mobilität und Migration im weitesten Sinne lesen.“ (Naoko Kaltschmidt, „Über Japonismus, Toyotismus und andere Zusammenführungen“, in „Exotic Strings a Compilation”, Hrsg. Michael Strasser, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2010, S.116)

Michael Strasser verwebt in der Stadtturmgalerie komplexe Handlungsstränge zu einer vielschichtigen Schau. Seine Interpretation von „Exotic Strings“ erzählt Geschichten auf vielen Ebenen. Auf die Komponenten, die ab 28. Juni durch das Buch „Exotic Strings a Compilation“ der Ausstellung hinzugefügt werden, kann man gespannt sein.
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Michael Strasser, „Assembled in Japan #3”, 2008
Michael Strasser *1977 in Innsbruck lebt in Wien. Studium der Fotografie, Universität für angewandte Kunst, Wien bei Univ. Prof. Gabriele Rothemann. 2008 Österreichisches Staatsstipendium für künstlerische Fotografie, bm:ukk; 2009/2010 Atelierstipendium für Fotografie/ New York, bm:ukk

Buchpräsentation: Michael Strasser, Exotic Strings a Compilation am Mo 28.06.2010 um 19.00
Verlag für moderne Kunst Nürnberg 2010
Herausgegeben von Gabrielle Cram und Michael Strasser