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Spezifische Bewegungen der Geste

19.11.2009 - 02.01.2010

Anja Manfredi, Linda Samaraweerová
kuratiert von Ingeborg Erhart

Öffnungszeiten zu Weihnachten:
geöffnet: 29. – 30.12.2009 von 14.00 – 18.00 und 02.01.2010 von 11.00 – 15.00
geschlossen: 24. – 28.12.2009 und 31.12.2009

Anja Manfredi ist eine forschende Künstlerin, die das Medium der Fotografie befragt, sich Themen prozesshaft nähert und bereits seit mehreren Jahren unterschiedliche Körperkonzepte und Inszenierungsstrategien untersucht. Die Befragung des Performativ und die intensive Auseinandersetzung mit spezifischen Bewegungen und Gesten führte die Künstlerin zu dem Wunsch die umfangreichen Materialien in einem eigenen Archiv der Bewegungen zusammenzustellen. Das „Einfrieren“ einer Aktion mittels der Fotografie, das Anhalten eines Moments und Festhalten einer Pose setzt einen Schnitt in Raum - Zeit. So ist der Akt des Fotografierens, also die Suche nach einem Standort, die Manipulation der Situation, die kritische Distanz und schließlich die Betätigung des Auslösers per se ein performativer, der ein dichtes Gewebe aus Aktion und Reaktion erzeugt, das Anja Manfredi auslotet. Die Reflexion der körperlichen Geste im fotografischen Abbild führt zu Recherchen in den unterschiedlichsten Archiven und Bibliotheken und zu Kollaborationen mit WissenschaftlerInnen, TänzerInnen und PerformancekünstlerInnen. Formal bedient sich die Künstlerin häufig der Technik der Collage und des Scherenschnitts. Diese Montagetechnik entspricht dem Charakter des Archivierens von Bewegungsfragmenten. „Posen, Gesten, Augenblicke einer festgehaltenen Gegenwart – bildhafte Fixierungen, die aus dem fotografischen Bild buchstäblich ausgeschnitten werden, um in die neue Choreografie eines Bildes montiert zu werden. Dieses neue Bild gibt sich als Atlas zu erkennen, der sich erlaubt, das Körperbild als verfügbares Vokabular zu kartografieren – immer an der Grenze von Subjekt, Körper, Identität und Schablone.“ Andreas Spiegl, in: EIKON, Heft 66, 2009
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Anja Manfredi, Die Geste des Wendens, 2009
Zu Beginn der Auseinandersetzung mit den spezifischen Bewegungen der Geste stellte sich Anja Manfredi selbst als Akteurin ins Bild und lotete intuitiv und spielerisch Bewegungen und Gesten alltäglicher Handlungen aus. In einem nächsten Schritt setzte sie sich mit den Tanzikonen und Wegbereiterinnen des modernen Tanzes Grete Wiesenthal, Anna Pawlowa und Isadora Duncan auseinander und erarbeitete durch Re-Enactments mit Linda Samaraweerová, der Tänzerin Heidrun Neumayr und der bildenden Künstlerin Roberta Lima Re-Konstruktionen des Bewegungsvokabulars der „Vorbilder“. Seither beschäftigt sich Anja Manfredi auch zunehmend mit der Frage nach dem historischen Körper, die sie zu weiteren Quellen wie der Kupferstichfolge „Natürliche und affektierte Handlungen des Lebens“ von Daniel Chodowiecki, die 1779 erschienen ist und die bürgerliche Kritik an der höfischen Körperkultur illustriert, und als Konsequenz zu Bildern und Schriften über den Körper als Maß der Dinge und die Disziplinierung des Körpers führt. Anja Manfredi sieht Chodowiecki mit seiner Kritik an einem Wendepunkt der Geschichte stehen, an dem ein neues Selbstverständnis der Bürger Einzug hielt. Eine Serie von drei größer ausgearbeiteten Bildtafeln thematisiert in der Ausstellung sowohl inhaltlich als auch formal „Die Geste des Wendens“.
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Re-Enacting Grete Wiesenthal mit Linda Samaraweerová, 2008
Die bekannte Illustration des wohlgeformten Menschen (homo bene figuratus) von Leonardo da Vinci, die die These des römischen Architekten Vitruv belegt, dass sich der aufrecht stehende Mensch idealer Weise sowohl in die geometrische Form des Quadrats als auch die des Kreises einschreiben lässt, stellt Anja Manfredi auf einer ihrer Bildtafeln mit Abbildungen der Aufführung von „Petruschka“ des Ballets Russes Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen und integriert auch Passagen aus den Tagebuchaufzeichnungen „Der Clown Gottes“ des Choreographen, legendären Balletttänzers und Petruschka-Darstellers Vaslav Nijinsky, der sich ebenfalls mit Leonardo und dem Idealmenschen der Renaissance auseinandergesetzt hat. Nijinsky war – wie viele der historischen Persönlichkeiten, die Anja Manfredi interessieren - eine höchst ambivalente Figur, die einerseits innovativ den Tanz revolutionierte und andererseits an sich selbst scheiterte. Assoziationsketten wie diese finden in scheinbar müheloser Montage Eingang in das Archiv der Bewegungen der Künstlerin. Fundierte Recherchen sowohl in der Literatur als auch in Bildarchiven und eine präzise Auswahl der selbst fotografierten und aufgefundenen Materialien erzeugen diesen schlüssigen Eindruck. In der Ausstellung sind 18 der so entstandenen Bildtafeln als Blattkopien zu sehen, die einen Bogen von der eigenen Beschäftigung mit alltäglichen Handlungen und Gesten über die Recherchen zum modernen Tanz und dem idealen Körper bis hin zu Hygienediskursen der letzten drei Jahrhunderte und neuerdings der Auseinandersetzung mit den Fotografien „hysterischer Anfälle“, die Jean-Martin Charcots an der Pariser Salpêtrière um 1880 anfertigen ließ, spannen.
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Foto: Anja Manfredi
„Das Performativ der Hysterie“ lässt Anja Manfredi im Gegensatz zur damals herrschenden Meinung, dass nur Frauen von dieser sich körperlich manifestierenden dissoziativen Störung betroffen sind, von einem Mann nachstellen. Die zur vorvergangenen Jahrhundertwende unübliche Aufforderung 50jährige Frauen mögen sich bewegen, nimmt die Künstlerin zum Anlass für ein weiteres fotografisches Reenactment. Interessanter Weise nannte man die damals vorgeschlagenen Turnübungen „Widerstandsbewegungen“. Der in der Ausstellung gezeigte Ausschnitt aus dem Archiv der Bewegungen endet mit dem Blatt „Ausdruckstanz mit Fuller und Berber“, einer Weiterführung der Serie „Re-Enactings von Tanzikonen“. Loïe Fuller war Ausdruckstänzerin, Erfinderin und wie Anita Berber, die erste Nackttänzerin, war auch sie eine sexuelle Freidenkerin. Sie entwickelte Bühnen- und Kostümkonstruktionen, die sie patentieren ließ. Zudem arbeitete sie als erste auf der Bühne mit farbigem elektrischem Licht. Im Gegensatz zum einengenden Korsett, das damals erst kürzlich durch das Reformkleid ersetzt wurde, erweitert Fuller durch verlängernde Prothesen und wehende Stoffbahnen den tanzenden Körper.
Zwei formal reduzierte, aber dennoch raumgreifende und die beiden Galerieräume bestimmende installative Eingriffe von Anja Manfredi verklammern das Setting der Ausstellung „Spezifische Bewegungen der Geste“ und beeinflussen die Wege und Bewegungen der Besucherinnen:
Ein an eine Ballettstange erinnerndes, fünf Meter langes, freistehendes Objekt teilt den ohnehin schon langgestreckten Raum und zwingt den BetrachterInnen Nähe oder Distanz auf und schränkt die Bewegungsfreiheit ein. Im zweiten Raum beleuchtet ein einziger Spot den verlassenen Tanzboden, den die Künstlerin in die Galerie transferiert hat. Die Spuren früherer Aufführungen lassen sich wie Notationen von Tanzschritten lesen. Die Absenz der AkteurInnen ist spürbar. In diesem Raum zeigt Linda Samaraweerová die Videodokumentation ihrer Liveperformance „chanson de geste“, die sie am Vernissageabend gegeben hat, und Anja Manfredi fragt in ihrer Videoarbeit fordernd, fast aggressiv nach der nächsten Performance. „Wo ist die nächste Performance?“ entstand als Reminiszenz auf den Besuch des Performancewochenendes performIC, das das Netzwerk Innsbruck Contemporary im Juni dieses Jahres in Innsbruck veranstaltet hat. Die Künstlerin thematisiert einerseits das mitunter anstrengende „Abarbeiten“ eines Ausstellungsparcours und setzt sich andererseits ironisch mit dem eigenen Interesse an Performance als Kunstform und dem derzeit in der Kunstwelt allerorts wieder entfachten Interesse daran auseinander.
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Foto: Tiroler Künstlerschaft
Linda Samaraweerová zeigt am Eröffnungsabend ein Modul der „performten Choreografie“
I THINK WE HAVE A GOOD TIME – chanson de geste, die sie gemeinsam mit dem Bildhauer und Installationskünstler Karl Karner entwickelt hat. Sie beziehen sich dabei auf die mittelalterliche, französische Tradition der Heldenepen, den so genannten „chansons de geste“. Die Heldenepen erzählten der Bevölkerung die Geschichte u. a. der Kreuzzüge, veränderten diese aber zu Gunsten der eigenen Landsleute und schmückten sie im Laufe der Zeit auch aus. Linda Samaraweerová interessiert dabei die Veränderung der Realität und die Verschönerung der Wahrheit. Eine zeitgenössische Adaptierung der Heldenepen bzw. eine Transformation in die Gegenwart wirft sofort Fragen nach heutigen und damaligen Wertesystemen auf. Was sind die Werte von heute? Auf welche Vorbilder können wir uns beziehen? Die Künstlerin beschreibt dies in einer kurzen Konzeptbeschreibung so: „Sich beziehend auf die mittelalterliche französische Tradition der Heldentatenlieder, der so genannten Chansons de geste, bzw. direkt auf den im Titel enthaltenen Begriff des Gestus, des Gestischen, ist chanson de geste eine installativ-performative, assoziativ-subtile Auseinandersetzung mit dem ‚körperlichen Heldentum’ im Spannungsfeld der gelebten, privaten und der gesellschaftlich oktroyierten, politischen Systemen unserer Zeit. Das Wunschdenken trifft auf vorgedachte ‚bessere’ Strukturen.“ Linda Samaraweerová und Anja Manfredi haben bereits für das Reenactment der Wiener Tanzikone Grete Wiesenthal zusammengearbeitet und tauschen sich immer wieder freundschaftlich über das Thema Performance aus. In ihrer jeweiligen Bildproduktion agieren die beiden Künstlerinnen vice versa: Anja Manfredi beschäftigt sich vom fotografierten Standbild ausgehend mit Bewegung wohingegen Linda Samaraweerová als Tänzerin und Choreografin immer wieder versucht die Bewegung anzuhalten und ein „eingefrorenes“ Bild zu erzeugen.

Ingeborg Erhart
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Foto: Tiroler Künstlerschaft
Konzept: Linda Samaraweerová und Karl Karner, Performance: Linda Samaraweerová, Textteile: Lena Wicke-Aengenhester

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Eröffnung: 18. November 2009 um 19.00
„chanson de geste“, Performance von Linda Samaraweerová um 19.30


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Mit freundlicher Unterstützung von: Land Tirol, bm:ukk, Stadt Innsbruck,
Stadt Wien MA7, http://www.x-fade.at