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Frank Hesse

21.05.2009 - 27.06.2009

Frank Hesse

Frank Hesse arbeitet an den Schnittstellen von Wissenschaft und Kunst. Dabei geht er bevorzugt kulturhistorischen Randnotizen nach und untersucht diese auf Brüche und Sinnüberschüsse. Sein besonderes Interesse gilt dabei den medialen Eigenarten wissenschaftlicher Darstellungsformen und Anekdoten, die zeigen, in welcher Weise wissenschaftliche Prozesse von subjektiven Anteilen durchzogen sind. Die Ergebnisse solcher Recherchen werden streng dokumentarisch ins Feld der Kunst transferiert und medial und ästhetisch in diesem reflektiert. Die Gestaltung erinnert an wissenschaftliche Dokumentationen oder museumspädagogische Installationen. Der Künstler arbeitet bevorzugt mit technischen Medien wie Fotografie, Dia-, Video- und Sound-Installationen.
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Foto: Tiroler Künstlerschaft
Florenz – Von St. Croce zum Kunsthistorischen Institut, 2006
Video, 11:50 Minuten.

In dem 2006 entstandenen Video „Florenz – Von St. Croce zum Kunsthistorischen Institut" zeichnet Frank Hesse den Weg durch Florenz von der Basilika Santa Croce – eine der an Kunstwerken reichsten Kirchen der Stadt – bis zum deutschen Kunsthistorischen Institut nach.
Die nächtlichen Aufnahmen werden von Straßengeräuschen begleitet und vom Atmen des Künstlers, der die Kamera führt. Das Video zeigt aber nicht nur den Weg zwischen zwei kunsthistorisch wichtigen Gebäuden in Florenz, sondern nimmt - wie in den Untertiteln zu lesen ist - auch Bezug auf zwei oppositionelle Perspektiven der Bildbetrachtung: Einerseits die ekstatisch-emotionale, leidenschaftliche, exemplarisch dafür steht Stendhals Reaktion auf den Besuch der Basilika Santa Croce 1817 (Marie-Henri Beyle, der unter dem Pseudonym Stendhal bekannte französische Schriftsteller, verfasst mehrere Reisetagebücher und gilt daher als Prototyp des modernen Touristen. Stendhal war so überwältigt, dass der Begriff „Stendhal Syndrome“ „die krankhaften Auswirkungen, die Kunstwerke auf sensible Gemüter haben können“ bezeichnet). Anderseits ist es die rationale Reaktion, den eher vermittelnden Zugang zur Kunst, die vom Kunsthistoriker Aby Warburg, Gründer des Kunsthistorischen Instituts, als die einzig richtige Herangehensweise an Kunst betrachtet wird und als die Basis für die moderne Kunstgeschichte gesehen wird. Das wissenschaftliche Vorgehen des lebenslang labilen, nach Sicherheit oder Stabilität suchenden Warburg scheint Ausdruck seiner Furcht zu sein, von Bildern in der Weise des Stendhal-Syndroms aus dem Gleichgewicht geworfen zu werden. Wie in vielen anderen Arbeiten des Künstlers stehen auch in diesem Video die visuelle, akustische und textliche Ebene in einer symbiotischen Beziehung zueinander.
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Foto: Videostill Florenz, Frank Hesse
Gewisses Künstlerarchiv, 2009
30 Archivboxen

Ausgangspunkt für Frank Hesses Überlegungen zu einem „gewissen Künstlerarchiv“ war „eine gewisse chinesische Enzyklopädie“ des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges, die Michel Foucault im Vorwort zu „Ordnung der Dinge“ zitiert. In dem Text von Borges gruppieren sich die Tiere als z.B.: Tiere, die dem Kaiser gehören; einbalsamierte Tiere; gezähmte; Milchschweine; Sirenen; Fabeltiere, usw.
In Analogie dazu definiert Frank Hesse Künstlerkategorien, die bei der Betrachtung von Kunst interessant sein könnten, aber bisher in der Kunsttheorie nicht vorkommen. Die auf den Archivboxen angegebenen Kategorien erinnern an die Arbeit „Findet mich das Glück“ von Fischli & Weiss, die er auch in seiner Kategorisierunge zitiert. Frank Hesse hat unter anderen folgenden Kategorien festgelegt: Humorlose; Übertrieben zweckmäßig gekleidete; Konsequent Sinnlos englisch Titelnde; die an dem Ast auf dem sie sitzen feilen, usw.
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Foto: Tiroler Künstlerschaft
N-Strahlen, 2006 (Sprecher: Benjamin Morik)
Audioinstallation, Audioloop (7:30 Minuten).

N-Strahlen ist eine Audio-Installation zur Entdeckung der N-Strahlen, einem wissenschaftlichen Irrtum des frühen 20. Jahrhunderts. Aus einem in schwarzem Papier verpackten Quader erzählt eine Stimme vom Aufstieg und Fall der N-Strahlen-Forschung. René Blondlot, ein französischer Physiker, glaubt zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Art von Strahlung gefunden zu haben. Nachdem er und seine Kollegen in der Folge diese Strahlung in allen denkbaren Materialien, Lebewesen und Zusammenhängen nachgewiesen haben, stellt sich heraus, dass sie Opfer ihrer eigenen Wahrnehmung geworden waren und es N-Strahlen nie gegeben hat. Die Erzählung pendelt übergangslos zwischen Beschreibungen physikalischer Versuchsanordnungen und den Problemen subjektiver Wahrnehmung, die in gleicher Weise bei der Kunstbetrachtung Gültigkeit haben. Ob der Betrachter das quadrische Objekt zunächst in einen Kunst- oder einen naturhistorischen Kontext einordnet, hängt daher davon ab, an welcher Stelle er in die Erzählung einsteigt. Nachdem die Fachwelt das Interesse an dem Phänomen verloren hatte, publizierte Blondlot die Schrift „Rayons »N« – Recueil des Communications faites a l'Academie des Sciences", in der er versuchte, seine Entdeckung zu rehabilitieren. In seinen Versuchen hatte Blondlot die N-Strahlung häufig mit Hilfe eines mit einer phosphoreszierenden Substanz überzogenen Kartons nachgewiesen. In seiner Publikation war ein solcher Karton beigelegt. Den wissenschaftlichen Kollegen und der interessierten Öffentlichkeit sollte damit die Möglichkeit gegeben werden, sich in eigenen Versuchen von der Existenz der Strahlung zu überzeugen. Die Blätter der Edition sind Reproduktionen der betreffenden Seiten der Publikation.
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Foto: Frank Hesse
Germania, 2008
Video, 8:30 Minuten. Musikbearbeitung: Uwe Schenk

Die Bilder des Videos sind dem Film „G.I. Blues“ (USA, 1960) entnommen. In der betreffenden Szene fahren der G.I. Tulsa McLean (Elvis Presley) und die Nachtklubsängerin Lili (Juliet Prowse) mit der Kabinenseilbahn von Rüdesheim am Rhein zu dem oberhalb der Stadt gelegenen Niederwalddenkmal, einer der größten Touristen-Attraktionen Deutschlands.
Die Umgebung hat dabei die Funktion einer Kulisse, ähnlich wie bei dem Ausschnitt von »G.I. Blues«, bei dem der Hintergrund der Protagonisten deutlich als Rückprojektion und damit als eine Inszenierung zu erkennen ist, die sich auf einer anderen Ebene vollzieht.
Anfangs erscheinen Bilder, Untertitel und Musik deckungsgleich; sie erzählen ein und dieselbe Geschichte. Die Untertitel wenden sich nach kurzer Zeit von den Gesprächen der Protagonisten ab und erzählen die tragische Geschichte der Einweihungsfeierlichkeiten des Niederwalddenkmals. Mit der Zeit verlangsamen sich die Bewegungen im Video immer mehr und schaffen so eine immer größer werdende Kluft zwischen den Bildern und der Geschichte, die in den Untertiteln erzählt wird, bis zu dem Punkt, an dem sich die beiden Hauptdarsteller küssen, während in den Untertiteln eine Hinrichtung behandelt wird.
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Foto: Videostill Germania, Frank Hesse
Germania (Wegweiser), 2009
Collage

Vor Ort aufgefundenes Schild, das Touristen den Weg zur Seilbahn weist, die ihrerseits zum Germania Denkmal führt. Auf dem Schild sind die Protagonisten des Videos in Form von Aufklebern montiert: Die anarchistische Rheinsdorf Gruppe (als sogenannter „Spucki“-Aufkleber), Elvis Presley und die preußische Fahne.
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Foto: Tiroler Künstlerschaft
Frank Hesse, geb. 1970, lebt in Zürich; 1995 – 2003 Studium an der HfbK Hamburg.
2005 – 2007 künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Forschungsprojekt »Kunst des Forschens« an der Hochschule für Kunst Bremen und an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich. Im Frühjahrssemester 2008 Gastdozent im Studienbereich Bildende Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste. Zurzeit arbeitet er als externer Dozent beim Studiengang Medien & Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste. Homepage: http://frankhesse.com