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schemenweiß

29.01.2009 - 14.03.2009

Thomas Hörl

Der in Wien lebende Salzburger Künstler Thomas Hörl beschäftigt sich in seinen Arbeiten seit einiger Zeit mit verschiedenen Aspekten der „Volkskunde“ – sowohl autobiographisch-regional, als auch im internationalen Kontext. Inhaltlich liegt sein Schwerpunkt auf ritualisierten Handlungsformen und Drohgebärden, wie die Bauch aufschlitzenden Perchten und die mit ihnen verwobenen Geschichten aus dem Alpenraum. Er beschäftigt sich mit Angstmomenten innerhalb des Brauchtums, aber auch mit Geschlechterfragen (Zwitterwesen, Dualität, Heteronormativität, Ausschluss von Frauen als Darstellerinnen, Männer in Frauentrachten – sogenannte Gesellinnen).
Die Recherche in Büchereien, Museen, Ausstellungen und bei Folklore-Veranstaltungen bzw. das gezielte Befragen der Bevölkerung als eine Art seismografische Feldforschung stehen jeweils am Beginn seiner Werke. Wesentlich für sein Herangehen ist ein Prozess der direkten Auseinandersetzung mit dem gesammelten Material und mit den vorgefunden Gegebenheiten im jeweiligen Raum.
Seine eigenen abstrakt-kindlichen Erinnerungen an die strafende oder belohnende Frau Percht (Schicksalsfrau und Seelenbegleiterin) als Angst einflößendes Druckmittel der Eltern sind Ausgangspunkt einer Beschäftigung mit unterschiedlichen alpenländischen Brauchtumsfiguren.
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Foto: Videostill schemenweiß
Der Ausstellungstitel ist einem Zitat zur Tiroler Fasnacht entnommen: „...in dem ein Tänzer in vaßnachtskleidung oder schemenweiß aufgetreten ist...“ (aus dem Buch „Tiroler Fasnacht“, Anton Dörrer, Österreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst, 1949)
Der Begriff „Schemen“ wird in einem Synonymischen Handwörterbuch der deutschen Sprache (1910) so erklärt: „Ein Schatten ist die unkörperliche und ungefärbte Figur, die auf einer Fläche aus dem gehinderten Zufluß des Lichts entsteht, wenn ein Körper zwischen einen leuchtenden Gegenstand und eine von diesem beleuchtete Fläche tritt. Schemen (mhd. schëme, Schattenbild, schime, Schatten, zu scînan, glänzen, scheinen, mit schîn, Schein, und mit gr. skia, Schatten, verwandt) heißt ein solcher Schatten nur, wenn man ihn als ein für sich bestehendes Wesen, als einen Scheinkörper auffaßt. So stellten sich die Griechen die Menschen nach dem Tode in der Unterwelt vor und so denkt sich der Aberglaube die Gespenster.“
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Foto: Videostill schemenweiß
Für die Einzelausstellung in der Stadtturmgalerie greift Thomas Hörl neben der „Frau Percht“ verschiedene Aspekte der regionalen Brauchtumskultur auf: das Imster Schemenlaufen, das Wunder von Absam, die Wunderkammer von Schloss Ambras, das Marterl des Seiltänzers Heini Sikora in Imst, der „Saniklasstab“ im Tiroler Nikolausbrauchtum und die gekreuzigte Dame mit Bart in Axams (Hl. Kümmernis oder Kummernus). Vielschichtige Anspielungen auf diese Themenkreise lassen sich in der Ausstellung erkennen, ohne dabei plakativ zu sein.
Der Künstler dekonstruiert ganz bewusst Bilder, Vorstellungen und Begriffe um Themenbereiche isoliert darzustellen und kritisch zu untersuchen. In Form von Objekten, Installationen, Videos und Collagen, werden diese in einem neuen Ordnungssystem in einander geblendet und zusammengeführt. Das Areal der Volkskunde dient ihm als Umschlagplatz des Kreativen und als Ort der Transformation des Vorgefundenen in neue Kontexte. Nichts ist dem Zufall überlassen - Fundstücke und Erinnerungsfragmente treffen in einem konstruktiven Spannungsfeld aufeinander und eröffnen in völlig unerwarteten Zusammenhängen dem Betrachter neue Sinnbezüge.
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Foto: Tiroler Künstlerschaft
Der performative Charakter von Brauchtumsveranstaltungen lässt den Künstler in seinen Arbeiten Parallelen zur Populärkultur knüpfen. Identitätsstiftung, Verkleiden und das Spiel verschiedener Rollen stehen dabei im Vordergrund.
Formaler Ausgangspunkt für seine Arbeiten sind vielfach die bunten Kostüme, Masken und die Formen der Kopfaufsätze, die als eine Art Display funktionieren. Spiegel, wie sie dabei häufig zu finden sind, stellen einen wesentlichen Bestandteil seiner Arbeiten dar. Diese dienen sowohl als Projektionsflächen des Realen als auch von Bedeutungsebenen.
Thomas Hörl beschreibt seine Arbeitsweise so: „Immer wieder verschränke ich ein Grundthema mit etwas anderem, meist aus Populärkultur oder dem Alltag der Nachrichten entlehnt. Ich liebe es Assoziationsketten herzustellen, zu bearbeiten, arrangieren und collagieren.“
Der Aspekt, dass in Zusammenhang mit mythischen Figuren, Geschichten und Ritualen oft die Imagination – transportiert über die eindrückliche Erzählung – stärker als die tatsächliche Körperlichkeit und räumliche Präsenz derselben ist, lässt den Künstler den Versuch unternehmen, Grenzen zwischen Sichtbarkeit, Vorstellung, Fiktion und Materialisierung auszuloten.
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Foto: Tiroler Künstlerschaft
In einer formalen und inhaltlichen „Inszenierung“ werden die dabei entstandenen Arbeiten „in situ“ mit dem Ausstellungsraum in Bezug gesetzt. Dabei entsteht eine vielschichtige Lesbarkeit.
Peter Kozek schreibt im Text zu Thomas Hörls Arbeit „Pogórska Wola“ in der Ausstellung „Memory Circus“ im Salzburger Künstlerhaus: „Thomas Hörl ermöglicht durch seine vielfach aus dem eigenen Erinnerungsfundus assoziativ-fragmentarisch entwickelten Installationen in ihrer räumlichen Setzung neue Lesarten auf tatsächlich Geschehenes.“
Die an der Schauwand zum Innenhof präsentierte Arbeit „Knife Play“ erinnert an die Form eines Kopfaufsatzes, mit einer Anspielung an die Bauch aufschlitzende Perchte.
Die Inspiration zur Form und zum Display von „....... the Belly-Slitter and Her Kin“ war ein Kopfaufsatz im Volkskunstmuseum in Innsbruck. In einer Collage treffen eine Butzenbercht und das Porträt des Vlad III. Tepes Dracuela aus der Ambraser Kunst- und Wunderkammer aufeinander, für die ein mit Kerben versehener „Saniklasstab“ zum Attribut wird.
Auf der gegenüberliegenden langen Wand nähert sich Thomas Hörl in drei Arbeiten „Roller – Blade / At night“, „Mask, wet and white“, „Dame mit Bart“ verschiedenen Aspekten der Brauchstumskultur an, die er mit Reliquien der Populärkultur assoziiert.
Im gewölbten Raum sind die Dia und Video- Installation „...in dem ein Tänzer in vaßnachtskleidung oder schemenweiß aufgetreten ist...“ zu sehen. Es handelt sich um eine Collage unterschiedlicher Bilder aus Veranstaltungen, aber auch um eine Performance mit Peter Kozek, mit der Thomas Hörl die Tänze der Roller und Scheller der Imster Fasnacht nachstellt. Gemeinsam mit Peter Kozek gründete Thomas Hörl 2003 die Künstlergruppe kozek hörlonski.
Cornelia Reinisch
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Foto: Tiroler Künstlerschaft
Kurze Begriffserklärung:

Frau Percht, Perchte, Berchte, Butzenbercht, Domina Berchta, etc.: Die Bercht ist gewöhnlich eine weibliche Glaubens- und Maskengestalt die in der Regel als „altes zerlumptes Weib“ erscheint. Ihr Haupterscheinungstermin ist die Nacht von 5. auf den 6. Jänner. Typische Attribute sind der Besen, der Buckelkorb, Schere, Mistgabel und/oder Kochlöffel. Die wichtigste Funktion der Bercht liegt in der Ausübung der sozialen Kontrolle wie die Einhaltung des Arbeitsverbots in den heiligen Nächten, häusliche Ordnung. Bei Übertretungen wird mit dem Aufschneiden und dem Anfüllen des Bauches mit Mist, Kehrricht usw. gedroht.
Imster Schemenlauf: Fasnachtsbrauch mit den bärtigen „Scheller“ und femininen „Roller“ und diverse andere Maskenfiguren.
Das Wunder von Absam: Eine Mutter Gottes Erscheinung in einen Fenster eines Bauernhofes in Absam anno 1797. Es trotzt Putzversuchen und erscheint nach dem Auftrocknen wieder, poliert man das Glas mit Schleifmittel so bleibt das Bild verschwunden. Das „Bild“ befindet sich in der Kirche von Absam.
Hl. Kümmernis: Die seit der Mitte des 15. Jahrhunderts überlieferten Heiligenlegenden erzählen, sie sei die Tochter eines heidnischen Königs gewesen, die sich gegen die vom Vater erzwungene Heirat wehrte. Nach Anrufung von Maria wuchs ein Bart, der erboste Vater ließ sie daraufhin ans Kreuz schlagen.
Saniklasstab: Ähnlich den in Vorarlberg bekannten Klausenhölzern versteht man darunter ein mit Kerben versehenes Gebetsholz von ca. 20 bis 30 cm Länge. Für jedes verrichtete Gebet wurde von den Kindern ein Schnitt gesetzt, dass der Nikolaus bei seinen Hausbesuchen kontrollierte. Je nach Leistung oder betrügerischer Absicht gab es eine Belohnung oder die Hölzer wurden vom Nikolaus zerbrochen, angerußt oder die Kanten angebissen.


Dank an: Peter Kozek, Andreas Erstling und Haus der Fasnacht Imst