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dis|mem|ber

30.01.2014 - 15.03.2014

Bernhard Hosa

Der Titel der Ausstellung von Bernhard Hosa in der Neuen Galerie der Tiroler Künstlerschaft ist Programm und fügt sich in das ganzheitlich gedachte Konzept ein – ein Wort in drei Silben unterteilt, die symbolisch für die drei Räume der Neuen Galerie stehen: dis|mem|ber.

„Verstümmeln, zerlegen, zersplittern, zerstückeln, jmdn.,/etw. auseinanderreißen, etw. trennen, jmdn./etw. zerreißen“ und „zergliedern“ zeigt der Blick ins Wörterbuch. In den drei Galerieräumen befindet sich jeweils eine in ihre Einzelteile zerlegte, möbelartige Skulptur und drei gerahmte Grafiken. 2012 bei seiner Einzelausstellung framework im Kunstraum Niederösterreich arbeitete Bernhard Hosa bereits mit diesen einfachen, an Tische oder Einzelbetten erinnernden Strukturen. Einige RezipientInnen assoziierten Seziertische mit den in einer Reihe platzierten Objekten. Was den Seziertisch von einem Bett unterscheidet ist nicht nur die ergonomische Arbeitshöhe für den/die GerichtsmedizinerIn, sondern auch, dass ihm jegliche Individualität und Intimität fehlt. Laut Georges Perec ist das Bett doch der „Individualraum par excellence“.1 Die Beine für das Bett/den Tisch liegen sorgfältig in gleichmäßigen Abständen auf der Platte. Schrauben verweisen auf Funktionalität. Die Beine sind aus Messing und zu einem Teil hochglanzpoliert. Im unpolierten Bereich hinterlässt der Künstler individuelle und eindeutig zuordenbare Spuren: seine Fingerabdrücke.

Für die Grafiken wurden Schwarz-Weiß-Fotos aus einem Bildband über die 1920er Jahre verwendet. Sie wurden mit einem Tropfen weißem Lack bespritzt und gefaltet. Anschließend wurde das Foto regelmäßig zerschnitten und in einer anderen Reihenfolge wieder zusammengefügt. Vor allem von der Ferne wirken die Collagen wie Landkarten. Psychologische Landschaften. Auch wenn man nicht weiß, dass das Fotobuch Menschen in psychiatrischen Einrichtungen präsentiert und keine Gesichter, sondern nur Hände und Fragmente von Krankenhausmöblierung und Anstaltskleidung zu sehen sind, schwingt trotz der kühlen Ästhetik und formalen Lesbarkeit Unbehagen mit. Ein Grund dafür könnte sein, dass die verwendete Methode der Klecksografie an den überaus populären Rorschach-Test erinnert, ein weithin bekanntes psychodiagnostisches Verfahren.
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dis|mem|ber, 2014. Foto: WEST. Fotostudio
Wie sich Körper auf Räume beziehen, die psychologische Wirkung räumlicher Settings auf die BenutzerInnen und auch sozialpolitische Themen beschäftigen Bernhard Hosa schon lange. Dass man bereits früh versuchte den menschlichen Körper in Bezug zu Architektur und Kunst zu setzen ist bekannt und so überrascht es wenig, dass für die polierten und die unpolierten Bereiche der Tischbeine das Verhältnis des „Goldenen Schnittes“ gewählt wurde. Aber auch die Frage nach Inklusion und daraus folgend der Exklusion ist für den Künstler wichtig. Wer darf/muss wann welche Räume betreten? Die „totale Institution“ ist ein Begriff, den der Soziologe Erving Goffmann für Institutionsformen (Organisationsformen), die alle Lebensäußerungen eines sozialen Akteurs zu regeln und zu kontrollieren geeignet oder bestimmt sind, geprägt hat. Herkömmliche Beispiele dafür sind Klöster, Gefängnisse, Psychiatrien oder Schiffsbesatzungen.2 Michel Foucault legt in dem Aufsatz „Andere Räume“ dar, dass jede Heterotopie3 ein System von Öffnungen und Schließungen voraussetzt, das sie gleichzeitig isoliert und durchdringlich macht: „Im allgemeinen ist ein heterotopischer Plan nicht ohne weiteres zugänglich. Entweder wird man zum Eintritt gezwungen, das ist der Fall der Kaserne, der Fall des Gefängnisses, oder man muß sich Riten und Reinigungen unterziehen. Man kann nur mit einer gewissen Erlaubnis und mit der Vollziehung gewisser Gesten eintreten.“4 Überlegungen wie diese künstlerisch weiterzuführen löst Bernhard Hosa zunehmend formaler. Waren es vor drei Jahren noch historische Portrait-Fotografien von Häftlingen, die mittels einer sogenannten Bertillonage erkennungstechnisch aufgenommen wurden, und deren Portraits (frontal und im Profil) er zerschnitt und mit Heftklammern wieder zusammenfügte, arbeitet er heute eher mit Andeutungen und Verweisen, die womöglich noch differenziertere Assoziationsketten bei den BetrachterInnen ermöglichen. Die Bertillonage wurde übrigens wegen des hohen Aufwands bald von der Daktyloskopie – der Identifizierung durch die Fingerabdrücke – abgelöst.
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dis|mem|ber, 2014. Foto: WEST. Fotostudio
Bernhard Hosa hat das Auseinandernehmen und wieder Zusammensetzen, das Sezieren und neu Komponieren sowie das Variieren für sich als künstlerische Strategie mit großer Präzision entwickelt. Durch das serielle Arbeiten gelingt es ihm einerseits Dingen – Themen und Formen – auf den Grund zu gehen und andererseits auf die jeweilige Ausstellungssituation zu reagieren. Der Ausstellungsraum – sei es ein möglichst neutraler White Cube oder auch nicht – ist eine Zelle, eine Heterotopie, die besonderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. In den drei Räumen der Neuen Galerie ist drei Mal das gleiche Setting installiert: in jedem Raum der „Bausatz“ des Bett-/Tisch-Objekts und drei Collagen. Die Raumflucht durch das Motiv der Wiederholung zu betonen und dabei – da die Zimmer nach hinten kleiner werden – immer enger zusammenrücken zu müssen, erhöht die Intensität und macht dis|mem|ber trotz aller Fragmentierung zu einer in sich schlüssigen Schau.

Im Schaufenster zum Gang liegt ein Medizinball. Er hat in etwa die Größe eines menschlichen Kopfes und sein Inneres ist nach außen gekehrt. Das Objekt, das ursprünglich Leibesübungen unterstützen sollte, bildet eine Schnittstelle. Nicht nur zwischen Innen und Außen und den Verweis auf den Körper, sondern auch auf die künstlerische Herangehensweise von Bernhard Hosa, die trotz der formalen Strenge sehr philosophisch und im Ausloten der Möglichkeiten durchaus spielerisch wendig ist.
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dis|mem|ber, 2014. Foto: WEST. Fotostudio



1 In: Georges Perec, Träume von Räumen, 1974/2013, (frz. Originalausgabe, Espèces d´Espaces, 1974)
2 Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Totale_Institution
3 aus griech. hetero (anders) und topos (Ort)
4 Michel Foucault, Andere Räume, in: Barck, Karlheinz u.a. (Hg.), Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1992, S.44
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dis|mem|ber, 2014. Foto: WEST. Fotostudio





Kurzbiografie:
Bernhard Hosa, *1979 in Amstetten, lebt und arbeitet in Wien. 1999 – 2004 Studium an der Universität für angewandte Kunst Wien, derzeit Förderatelier des Bundes.
Ausstellungen (Auswahl): Inverted golden body, Galerie 5020, Salzburg; The intransigent ticket – the artist as a filter, CSULA Fine arts gallery, Los Angeles (2013); Every wall is a door, Salzburger Kunstverein, Salzburg; Framework, Kunstraum NOE, Wien (2012); Space Odyssey, Galerie des Kunstvereins Maerz, Linz (2011); Postludium, Kunstraum Dreizehn/Thirteen, Berlin; ZERO, Startgalerie im MUSA, Wien (2010)
http://www.bernhardhosa.com



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Eröffnung am Mittwoch, 29.01.2014 um 19.00
Dialogführung am Donnerstag, 13. März 2014 um 18.00 mit Ingeborg Erhart
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dis|mem|ber, 2014. Foto: WEST. Fotostudio