logo_kuenstlerschaft.gif

Bullet3 Home
Bullet3 Verein
Bullet3 Kunstpavillon
Bullet3 Neue Galerie
Bullet3 Büchsenhausen
Bullet3 Stadtturmgalerie bis 2010
Bullet3 Kooperationen
Faire le vide

09.11.2013 - 21.12.2013

Anna Jermolaewa, Ciprian Muresan, Adrien Tirtiaux
kuratiert von Ingeborg Erhart

„Yves Klein hat es gemacht, Dziga Vertov hat es gemacht, Bas Jan Ader hat es gemacht …“, kündigte Anna Jermolaewa 2011 ihre Performance Leap into the Void or Anna, a Superwoman am Innsbrucker Flughafen an. Bis heute wirken Yves Kleins berühmte Fotomontage Sprung ins Leere (frz. Le Saut dans le vide) aus dem Jahr 1960 und das tatsächliche Verschwinden von Bas Jan Ader nach. Der niederländische Künstler Ader versuchte 1975 im Rahmen seines Projektes In Search of the Miraculous in einem kleinen Boot alleine von den USA, wo er lebte, heim nach Holland zu segeln. Er kam nie an. Die (wissenschaftliche) Aufarbeitung des Werks von Yves Klein setzte unmittelbar nach seinem frühen Tod 1962 ein. Dem schmalen ¼uvre von Bas Jan Ader wurde erst im YouTube-Zeitalter verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt. Seine Kurzfilme, in denen er selbst im Zentrum steht und Unzulänglichkeit, Fehlleistungen, Scheitern und Fragilität thematisiert, treffen nun den Zeitgeist. Jede_r kann sich heute als Star produzieren und seine_ihre Clips ins Internet stellen.
a.jpg
Anna Jermolaewa, Leap into the void or Anna, a Superwoman, Filmstill, 2011

Die Ausstellung Faire le vide (frz. sich isolieren, absondern, [von der Konkurrenz] absetzen) zeigt anhand von drei Positionen Facetten der Konsequenzen, die die beiden hochmystifizierten Künstlerpersönlichkeiten auf die Nachwelt noch immer haben. Der Titel spielt einerseits auf Yves Klein und seine Auseinandersetzung mit der Leere (frz. le vide) und anderseits auf das Paradox von An- und Abwesenheit an. Man muss erst in Erscheinung treten, um Verschwinden zu können. Das Ausloten von (persönlichen) Grenzen, ein hoher Grad an Inszenierung – auch der eigenen Person –, Entmystifizierung durch Humor, Ironie und Slapstick sowie einen Schuss Romantik beschreiben in wenigen Worten die in der Schau versammelten Arbeiten, die alle mehr Interpretationen als klassische Re-Enactments sind.

Auch der russische Dokumentarfilmregisseur Dziga Vertov sprang 1918 in Paris aus dem Fenster und ließ sich dabei in Zeitlupe aufnehmen. Dem Pionier des Experimentalfilms gelang es in diesem Selbstversuch die Gefühle auf dem Weg nach unten festzuhalten und so für die Rezipient_innen einen neuen Wahrnehmungsraum zu schaffen. Anna Jermolaewa stellt sich in eine Reihe mit den männlichen Künstlerahnen, überwand ihre Höhenangst, wagte einen Tandemfallschirmsprung, bei dem sie gefilmt wurde, und ließ sich nach der nicht wirklich gefährlichen Aktion als Superwoman feiern. Die Schuhe, die sie dabei trug, erklärte sie zum Artefakt. Die Künstlerin rematerialisierte sozusagen mit ihrem eigenen Körper Yves Kleins Idee den Himmel zu signieren. Klein behauptete – wenig bescheiden – bereits im Alter von 18 Jahren sein erstes unendliches und immaterielles Gemälde geschaffen zu haben, indem er am Strand von Nizza liegend seine Signatur in den blauen Himmel setzte.
HP_Faire_le_vide_43.jpg
Anna Jermolaewa, Superwoman, 2011. Foto: WEST. Fotostudio

Ciprian Muresan inszenierte 2004 ein ähnliches Fotoshooting wie Yves Klein. Bei seinem Leap into the void, After 3 seconds liegt ein Mann auf dem Trottoir. Natürlich ist Klein in der Realität auch wieder auf den Boden zurückgekommen, obwohl er auf dem berühmten Foto geradezu abzuheben scheint. Derzeit beschäftigt sich Ciprian Muresan mit den Nebenprodukten und Überresten früherer Arbeiten. Der in der Ausstellung gezeigte Druck vereint 12 fehlerhafte Negative der damaligen Aktion. Der Moment des Scheiterns wird vervielfacht. Ironisch interpretiert Muresan auch Bas Jan Aders berührenden 16mm-Film I´m too sad to tell you (1970), in dem der Künstler 3 Minuten und 34 Sekunden lang in einem Close-up heftig weinend zu sehen ist. Muresans Zeichentrickfilm nimmt eine Perspektive aus ein paar Schritten Entfernung ein und zeigt den "wahren" Grund für den Heulkrampf: Ader schneidet Zwiebeln.

Mit einem Schiff, das er aus Karton gebaut hatte, fuhr Adrien Tirtiaux – ähnlich wie Bas Jan Ader, ebenfalls von einer Musikkapelle verabschiedet – 2008 in Sinop (Türkei) aufs Meer hinaus. Die Performance The Sinking of the Göke war nach sechs Minuten beendet, als das Schiff abrupt unterging. Anders als bei dieser Arbeit, die das Scheitern von Beginn an inkludierte, baute Tirtiaux diesen Sommer in Sint-Niklaas (Belgien) ohne Konstruktionsplan und statische Berechnungen in vier Tagen eine Brücke aus Holz von einem Gebäude zum anderen. Wäre er so wie Yves Klein bei dem Shooting für den Sprung ins Leere mit einem Sprungtuch aufgefangen worden, wenn seine Bricolage nicht gehalten hätte?
HP_Faire_le_vide_22.jpg
Adrien Tirtiaux, Bruggen Bouwen, 2013. Foto: WEST. Fotostudio
Die Projektbox Bruggen Bouwen, aus der heraus ein Leporello mit Fotos dieser Aktion raumgreift, wird in der Ausstellung erstmals gezeigt. Sie beinhaltet zudem eine gerahmte Collage, sechs Mini-DV-Kassetten mit der Videodokumentation und ein Buch, das ein Gutachten von Ingenieuren beinhaltet, das im Nachhinein erstellt werden musste, damit die Brücke stehen bleiben durfte. Eine prekäre Angelegenheit wurde durch umfangreiche Berechnungen legitimiert...
HP_Faire_le_vide_04.jpg
Anna Jermolaewa, Leap into the void or Anna, a Superwoman, Filmstill, 2011. Foto: WEST. Fotostudio

Kurzbiografien:

Anna Jermolaewa *1970 in St. Petersburg, lebt und arbeitet in Wien. 1998 Abschluss des Kunstgeschichtestudiums an der Universität Wien, 2002 Abschluss des Studiums an der Akademie der bildenden Künste Wien (Klasse für Kunst und digitale Medien), 2005–2011 Professorin für Medienkunst, Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe/ZKM, Karlsruhe.
Auszeichnungen:
2011 Outstanding Artist Award 2006 T-Mobile Art Award 2004 Förderungspreis der Stadt Wien 2002 Ursula Blickle Förderpreis; Pfann-Ohmann-Preis; SCA Kunstpreis
Einzelausstellungen (Auswahl):
2013 Anna Jermolaewa, Kerstin Engholm Galerie, Wien; The Way Up, Victoria Gallery, Samara; A sort of homecoming: Anna Jermolaewa und Audronė Vaup¨ienė, CAC, Vilnius 2012 Anna Jermolaewa, Kunsthalle Krems, Krems; Anna Jermolaewa. Das vierzigste Jahr, Salzburger Kunstverein, Salzburg 2011 КИНОГЛАЗ/KINOGLAZ, XL Gallery, Moskau; Step aside, Institute of Contemporary Art, Sofia 2010 Kremlin, EDS Galeria, Mexiko-Stadt, Mexiko
HP_Faire_le_vide_08.jpg
Ciprian Muresan, Leap Into the Void, After 3 Seconds, 2004. Foto: WEST. Fotostudio
Ciprian Mureşan *1977 in Cluj, lebt und arbeitet in Cluj; Co-Editor von VERSION artist run magazine; seit 2005 Editor von IDEA art + society magazine [www.ideamagazine.ro]
Ausstellungen (Auswahl):
2012 Stage and Twist, Project space, Tate Modern, London; Six Lines of Flight: Shifting Geographies in Contemporary Art, San Francisco Museum of Modern Art; Recycled Playground, Centre d'art contemporaine, Genf; Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube, Staatliche Kusthalle, Karlsruhe 2011 Recycled Playground, FRAC Champagne-Ardenne, Reims; Genius without Talent, de Appel arts centre, Amsterdam; Sin realidad no hay utopia, Centro Andaluz de Arte Contemporáneo (CAAC), Sevilla 2010 Wilkinson Galllery, London; Mihai Nicodim Gallery, Los Angeles; 17th Biennale of Sydney, The Beauty and the Distance, Biennale of Sydney; Les Promesses du passé, Centre Pompidou, Musée National d´Art Moderne, Paris
HP_Faire_le_vide_15.jpg
Ciprian Muresan, Portrait of Bas Jan Ader, 2012. Foto: WEST. Fotostudio
Adrien Tirtiaux *1980 in Brüssel, lebt und arbeitet in Antwerpen, 2003–2008 Akademie der bildenden Künste Wien (Klasse für Skulptur und Performance, Prof. Monica Bonvicini), 1998–2003 Architekturstudium an der Université Catholique de Louvain-La-Neuve in Belgien
Auszeichnungen:
2013 Selection Young Belgian Art Prize 2012 Wiels residency, Brussels (mit HOTEL CHARLEROI) 2011 Prijs Beeldende Kunst van de Provincie Antwerpen 2008 Würdigungspreis der Akademie der bildenden Künste Wien; Würdigungspreis des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung 2005 Pfann-Ohmannprize
Einzelausstellungen (Auswahl):
2013 Office / Baraque, Lokaal 01, Antwerpen 2012 Die weißen Wände der Welt, Villa Merkel, Esslingen am Neckar; MONUMENTALE ACADÉMIE, Ecole supérieure des Beaux-Arts, Tours 2011 Immer noch und noch nicht, Kunst Halle Sankt-Gallen; The hidden treasures, Thomas K. Lang Gallery at Webster University, Wien 2010 Le pouvoir de l’ellipse, Galerie Martin Janda, Wien 2009 Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling, Loge, Bern 2007 Galerie Martin Janda, Wien


---------------------------------------------------------------

Eröffnung am Samstag, 09.11.2013 um 11.00 im Rahmen der Premierentage 2013
Anschließend an die Eröffnung begann um 12.00: SALON, A Female Perspective / 1930 and 2013 von Lizzy Fidler im Kunstpavillon.
Führung mit der Kuratorin am Donnerstag, 19. Dezember 2013 um 18.00
HP_Faire_le_vide_19.jpg
Adrien Tirtiaux, The sinking of the Göke, 2008. Foto: WEST. Fotostudio