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STÖRWERTE / NUISANCE VALUE

17.06.2016 - 30.07.2016

Andrea Bellu & Matei Bellu,
Fokus Grupa mit Audrey Morency, Anouk Muller, Pol Olk und Laura Winterberg,
Anthony Iles & Marina Vishmidt,
kuda.org & Group for Conceptual Politics & Zoran Todorović,
Benjamin Tiven & Erik Wysocan

kuratiert von Andrei Siclodi

Eine Ausstellung im Rahmen des Internationalen Fellowship-Programms für Kunst und Theorie im Künstlerhaus Büchsenhausen 2015/16.

Das Internationale Fellowship-Programm für Kunst und Theorie stellte im Jahr 2015/16 Arbeitsvorhaben in den Mittelpunkt, die in einem erweiterten Sinn Fragen nach der Valenz des Wertbegriffs im Angesicht eines heute scheinbar allgegenwärtigen und alle Lebensbereiche bestimmenden Finanzkapitalismus aufwerfen. Die Fellows Andrea Bellu, Fokus Grupa, Anthony Iles, Benjamin Tiven und Marina Vishmidt beschäftigten sich in ihren jeweiligen Arbeitsvorhaben mit vornationalstaatlichen, heute vergessenen gesellschaftlichen Strukturen in Gebieten an der heutigen Ostgrenze EUropas und deren Stellenwert für die Gegenwart (Andrea Bellu), mit egalitären Gestaltungsvorstellungen im Bereich der (Innen-)Architektur (Fokus Grupa), mit der Verquickung von (Geld-)Wert, Information und audiovisuellen Medien (Benjamin Tiven) sowie mit den Beziehungen zwischen künstlerischer Praxis und sozialer Krise im Hinblick auf die Frage nach der „Selbstauflösung“ der Kunst (Anthony Iles & Marina Vishmidt).

Zu den bereits genannten Fellows gesellen sich in der Ausstellung auch einige ihrer Gäste: Matei Bellu (auf Einladung von Andrea Bellu), Zoran Todorovic, kuda.org / Group for Conceptual Politics (auf Einladung von Anthony Iles & Marina Vishmidt), Audrey Morency, Anouk Muller, Pol Olk, Laura Winterberg (Student_innen von Fokus Grupa) sowie Erik Wysocan (als Kooperationspartner von Benjamin Tiven).

Die Ausstellung Störwerte ist das Ergebnis der Auseinandersetzung mit den Arbeitsvorhaben und den Arbeitsweisen der Fellows. Ihre künstlerischen und kunsttheoretischen Ansätze, Untersuchungsgebiete und Themen bildeten den Ausgangspunkt. Das kuratorische Konzept sah die schrittweise Entwicklung des inhaltlichen Leitmotivs und des Displays parallel zum Fortschreiten der Vorhaben der involvierten Künstler_innen und Theoretiker_innen vor. Naturgemäß konnten diese Prozesse erst kurz vor der Ausstellungseröffnung abgeschlossen werden, in manchen Fällen sogar erst an den ersten Öffnungstagen im Rahmen von diskursiven Veranstaltungen.
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Chimaera monstrosa, Acipenser sturio, Ac. ruthenus, Ac. Huso, aus: Icones piscium, indicem systematicum, addidit F. C. Kielsen, Kopenhagen 1835
„Störwert“ beschreibt als technischer Begriff den Wert, der im Falle einer Störung üblicherweise aus dem Sollwert eines Systems subtrahiert wird. Im sozialen, aber auch im juridischen Sinn bezeichnet „Störwert“ den Befähigungsgrad einer Person oder Gruppe, „Abweichungen“ von geltenden Normen einer Gesellschaft zu verursachen. In der Regel als negative Setzung angewandt, wird der Begriff des Störwerts im Kontext dieser Ausstellung jedoch beispielhaft als positive Notwendigkeit der Selbstbewertung eines gesellschaftlichen Zustands verstanden. Wann wird eine Abweichung zur Störung? Welche Art von und welchen Grad an Devianzen verträgt ein demokratisches Organisationssystem? Was bewirkt eine Störung gesellschaftlicher Erinnerungsmuster beziehungsweise vorherrschender Wissensformationen? Und welche Antizipationen können diese Störungen hervorrufen?
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Ausstellungsansicht. Foto: WEST. Fotostudio
Benjamin Tiven & Erik Wysocan: EPOCH (Expanded-wavelength Precision Optical Chronograph) #1 und #2, 2016, umgebaute Uhren, Plexiglas, LED-Dioden,
GPS-Empfänger, Elektronik.
Benjamin Tiven & Erik Wysocan: Distortion/Resolution/Wavelength (Retinal
Test Pattern #1 – #4)
, 2016, Foto-Lithografien auf mit Chrom überzogenem
Glas.


„Clock time is technical, legal, infrastructural— evidence of how progress always attempts to make time more obedient and predictable“, schreibt Benjamin Tiven in einem früheren Arbeitsskript. Diese Feststellung haben er und Erik Wysocan nun in eine mögliche Zukunft projiziert, deren Ideologie in der heutigen Manie der Kapitalisierung aller Lebensbereiche wurzelt. Die Enkelkinder heutiger Kleinkinder lebten demnach als Mitglieder einer Kontrollgesellschaft, in der die Menschen und ihre persönlichen Daten mittels implantierter GPS-Zeitsynchronisationstechnologie als Zeitwertlieferanten dienten. Indem sie eine entsprechende Apparatur designen und materiell umsetzen, simulieren Tiven & Wysocan die Anwendung ähnlicher Antizipationsverfahren wie die Finanzmärkte an: sie wetten auf eine mögliche Zukunft, die verspricht aus dem Nichts einen Wert zu generieren und deren Real-Werden nicht zuletzt der Reproduktion und Erweiterung gegebener Profiterzeugungsmechanismen dienen soll. Die sensorische Feststellbarkeit des Störwertes einer invasiven Erweiterung des Körpers durch das Implantieren scheint dabei vom System erfolgreich unterdrückt zu werden – ein Phänomen, das der heute weit verbreiteten Gleichgültigkeit gegenüber dem Umgang mit personenbezogenen Daten in den Social Media entspricht.
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Ausstellungsansicht. Foto: WEST. Fotostudio
EPOCH (Expanded-wavelength Precision Optical CHronograph) empfängt den standardisierten Zeitcode und die Angaben zur Ortsbestimmung von den öffentlichen Frequenzen des GPS-Satellitennetzwerkes. Die Uhr überträgt selbst alle empfangenen Parameter: die aktuelle Zeit, das Datum, den Breitengrad, den Längengrad und, wenn anwendbar, die Geschwindigkeit und den Kurswinkel der Einheit. Die Parameter kommen in Form von 576 Bits binär kodierter Daten an, die dann in Lichtimpulse einer LED-Dioden-Anordnung übersetzt werden. Jedes Bit entspricht einer Zeitspanne von 30 Millisekunden, wobei der Chronograf
während dieser Zeit entweder an oder aus pulsiert. Die gesamte Übertragung
dauert 18 Sekunden. Sie wird drei Mal pro Minute wiederholt, wobei 2 Sekunden
dauernde Blitzlichter die Zyklen voneinander trennen. Zwei Versionen des Chronografen werden benötigt, um die Abweichungen der User_innen-Zeit zu verzeichnen und auszugleichen: Die Blitze des Zeitcodes werden auf kontrollierten
Lichtfrequenzen übertragen und bilden die Trägerwellen eines 3D-holografischen
interferometrischen Systems. Eine Uhr auf Basis sichtbarer Lichtsignale im Breitbandspektrum liefert das Referenz-Signal, während eine zweite, diesmal niederfrequente Infrarot-Uhr ein Differenzsignal überträgt, das von den User_innen durch ein okulares Implantat wahrgenommen werden könnte. Während sich User_innen zwischen den beiden Uhrsignalen hin- und her bewegen, empfängt derer Netzhaut ein Interferenz-Muster, das Aufschluss über den Wert der Photonen Granularität gibt, der seinerseits benötigt wird, um die eigene Zeitdilatation, ein Phänomen der Relativitätstheorie, zu messen. Die ausgestellten Retina-Testmuster könnten schließlich zur Kalibrierung des Implantats verwendet werden.
(EPOCH-Beschreibung: Benjamin Tiven)
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Ausstellungsansicht. Foto: WEST. Fotostudio
Fokus Grupa mit Audrey Morency, Anouk Muller, Pol Olk, Laura Winterberg:
Existenzoptimum, 2016, Rauminstallation aus Holz, OSB- und MDF-Platten
Farbe, Buch.


Die Antizipation einer möglichen Zukunft spielt auch im Beitrag von Fokus Grupa,
den sie gemeinsam mit Studierenden der Architektur (Audrey Morency,
Anouk Muller, Pol Olk und Laura Winterberg) im Rahmen eines Seminars am Institut für Architekturtheorie in Innsbruck entwickelt haben, eine zentrale Rolle – jedoch unter völlig anderen Vorzeichen. Fokus Grupa nimmt das einflussreiche Buch Chto Delat (Was tun?, 1863) des russischen Philosophen, Journalisten und Literaturkritikers Nikolai Tschernyschewski sowie die darin enthaltenen konkreten Beschreibungen der Lebens- und Arbeitsräume der beiden Protagonist_innen Lopuhov und Pavlovna zum Ausgangspunkt einer Spekulation über mögliche Formen gemeinschaftlichen Wohnens jenseits des „Kernfamilie“-Paradigmas:
Lopuhov und Pavlovna beschließen den gemeinsamen Wohnraum auf eine Weise zu gestalten, die einer ausgewogenen Balance der Machtverhältnisse zwischen ihnen beiden entspräche. Sie vereinbaren jeweils in einem eigenen Raum zu leben, der ihnen die individuell zustehende Privatheit und Autonomie gewährleisten würde. Diese Privaträume sind mit einem „Wohnraum“ verbunden, den sie als öffentlichen Raum behandeln und dessen Nutzung von ihnen immer als Gegenstand von Verhandlungen betrachtet wird. Diese Organisationsform des Wohnraums stellt eine denkwürdige Alternative zum vorherrschenden Familienleben dar, da sie die im Konzept der „Kernfamilie“ eingeschriebenen ideologischen Muster in Bezug auf Klasse, Macht und Geschlecht zu umgehen vermag.
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Ausstellungsansicht. Foto: WEST. Fotostudio
Einen weiteren Ausgangspunkt für das Projekt liefert das umkämpfte Konzept des „Existenzminimums“, das ursprünglich vor allem zwischen den Weltkriegen als Notmaßnahme angewandt wurde, um der Arbeiter_innenklasse unter anderem erschwingliche Sozialwohnungen zur Verfügung stellen zu können, jedoch auf Grund seiner Armut perpetuierenden Falle zu recht kritisiert wurde. Auf den Ideen des „Existenzminimums“ basierend haben Fokus Grupa das Existenzoptimum entwickelt, das auf ähnlichen Konzeptgrundlagen gemeinschaftliches Leben gewährleisten soll, und dieses gemeinsam mit den Studierendenmodellhaft realisiert: Als 1:1-Modell einer Wohneinheit sowie als ein 1:30-Modell eines modularen Systems von Wohneinheiten, die von den Besucher_innen der Ausstellung am konkreten Beispiel des Kunstpavillon-Raums ausprobiert werden können. Hier stehen wie auf einem Spielbrett 10 Wohnräume zur freien Kombination mit öffentlichem Raum zur Verfügung. Sie können zueinander in Beziehung gesetzt werden, während der dazwischen befindliche öffentliche Raum des Ausstellungsraums als Projektionsfläche für gemeinschaftliche Nutzungsformen fungiert.

Existenzoptimum zielt auf die Umgehung ideologischer Gegebenheiten, die durch die Kernfamilie hergestellt und weitgehend reproduzierend übertragen werden, zugunsten eines – idealerweise – unvermittelten, auf jeden Fall andersartigen Verhältnisses des Individuums zum Kollektiv. Hierfür wird eine Grundlage geschaffen, die einerseits zwar die Funktion eines Ausstellungsstücks erfüllt, jedoch gleichzeitig auch Raumverhältnisse materiell definiert, die quasi als Störung von der Basis aus ein transformatorisches Potenzial besitzen.
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Ausstellungsansicht. Foto: WEST. Fotostudio
Andrea Bellu und Matei Bellu: Sammlung einiger Versuche zur Beschreibung
der Wirklichkeit:
Versuche 2&3


Mit den Versuchen 2 und 3 führt Andrea Bellu gemeinsam mit Matei Bellu die von ihr in Büchsenhausen initiierte Sammlung einiger Versuche zur Beschreibung der Wirklichkeit fort.

Auf Reisen durch den Osten hat Andrea Bellu gemeinsam mit Matei Bellu 2013 begonnen Materialien zusammenzutragen: Beobachtungen alltäglicher Routinen sowie von Erinnerungspraktiken, die sich manchmal auf alte, jedoch vielmehr auf jüngere Ausformungen nationaler Identität und deren imaginierte Historien beziehen. Daraus entstand ein intuitives, nicht abgeschlossenes Archiv, mit dem sich die Künstlerin während ihres Fellowship in Büchsenhausen auseinandersetzte.

Die Reiseroute umschreibt einen geschichtlichen Kulturraum, in dem über Jahrhunderte unterschiedliche Minderheiten neben- und miteinander gelebt haben, ohne dass es je eine nationale Mehrheitsbevölkerung gegeben hätte. In vielen Dörfern und Städten machte die jüdische Bevölkerung die größte Minderheit aus. Diesem komplexen und vielschichtigen Zusammenleben wurde von der deutschen Besatzung und der deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg ein grausames Ende gesetzt. Heute ist dieser kulturelle und geographische Raum von verschiedenen Grenzen und Interessensphären eingezäunt und eingeengt und von starken nationalidentitären Diskursen geprägt. Auch wenn die vorherrschenden nationalen und nationalistischen Narrative die historischen Tatsachen ablehnen, verschleiern und verschweigen, zeigen sich die Spuren dieser Geschichte in Landschaften, Städten und Orten durchaus materiell, gerade in ihrer Abwesenheit. Die Unnachgiebigkeit, mit welcher die neuen nationalen Erzählungen in die Region eingeschrieben werden, überdecken die Erinnerungsspuren, die auf keiner Landkarte zu finden sind – neue Namen für alte Plätze, neue Funktionen für alte Gebäude, neue Bevölkerungen für neue Staaten. Das präsente Nicht-Erinnern der heutigen Bewohner_innen dieser Häuser erzählt von einer unmerklich und unheimlich wiederkehrenden Gewalt und von ihrer sehr reellen Wirkung auf die Menschen.
Entlang ihrer bisherigen Praxis, in der sie mit Text, Video, Fotografie, objets trouvés arbeitet, geht es Andrea Bellu in diesem Vorhaben vor allem darum, die viel erzählte und beschriebene gewaltvolle Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts mit der Gegenwart zu verknüpfen und ihre heutigen, tatsächlich stets spürbaren Auswirkungen und Kontinuitäten sichtbar zu machen. Die Arbeit am Archiv ist jedoch auch eine Suche, die der Überzeugung folgt, dass das nicht realisierte Potential der Geschichte nicht mit der deutschen Gewalt endet, sondern andere utopische Potentiale freisetzen kann, die für die Gegenwart von Bedeutung sind.
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Ausstellungsansicht. Foto: WEST. Fotostudio
Versuch 2: 1. Die Menge aller Punkte einer Ebene, deren Summe ihrer Abstände zu zwei gegebenen Punkten konstant bleibt, nennt man eine Ellipse. In ihrer Form ist sie ein unvollkommener Kreis; 2. Ellipse bezeichnet einen Satz, der durch das Auslassen von Wörtern oder Satzteilen fragmentiert wird, dessen Sinn aber im Kontext weiterhin aufgehoben bleibt; 3. Innerhalb eines tonalen Harmonieverlaufs bedeutet Ellipse das Auslassen einer Konsonanz, an deren Stelle eine Pause oder eine Dissonanz folgt, die einer Erwartungshaltung entgegenläuft.(L’viv, Fedorova-Straße 27, 9.10.2014, 16:56–17:00), 2016, Inkjet Print, 290x168cm, Tonaufnahme, 5:16 min.

Versuch 2 besteht aus einem großformatigen Farb-Druck und einer 5-minütigen Tonaufnahme, beide am gleichen Ort aufgenommen: L’viv, Fedorova Straße 27, 9.10.2014, 16:59-17:04.
Das Bild entzieht sich den Betrachter_innen; obwohl es vorgibt – auch durch seine unverhältnismäßige Vergrößerung – etwas sichtbar zu machen, widerstehen seine Flachheit und Unschärfe – die Folge der Vergrößerung sind – einem Verstehen. Die fünfminütige Tonaufnahme nimmt eine ähnliche Bewegung des Rückzugs auf. Zu hören ist die Alltäglichkeit einer Atmosphäre, der Klang einer bestimmten Umgebung. Isoliert auf Kopfhörern in ihren kleinsten Nuancen wahrnehmbar, vermittelt sie kaum etwas von dem Ort, an dem sie aufgenommen worden ist, auch nicht von seiner Geschichte. Zwar ist viel zu hören, doch verdichtet sich diese Information entgegen einer möglichen Erwartung nicht zu einer Bedeutung.

Welche Materialität hat Erinnerung? Was bleibt fehlend, lässt sich nicht überbrücken, übersetzen; ähnlich zur abwesenden Zeugenschaft bei Agamben, in der nur bezeugt werden kann, dass es kein Zeugnis gibt? Lässt sich der Widerspruch zwischen anwesender Abwesenheit und abwesender Anwesenheit fassen? Wo trifft man die Geister der Gesellschaft, die sich in unsere materielle Umgebung einschreiben – im Raum, in den kollektiven Narrationen, in den subjektiven Fiktionen, in elliptischen Bewegungen, die Sinn und die Unmöglichkeit von Sinn zugleich berühren?
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Ausstellungsansicht. Foto: WEST. Fotostudio
Versuch 3: o.T., (Über das Übersetzen), 2016, Installation, Plattenspieler, Song „Where Can I Go?“ von Miriam Makeba.

1963 nimmt Miriam Makeba (1932-2008), kurz nachdem das südafrikanische Apartheid-Regime sie in Folge ihres politischen Aktivismus ausgebürgert hatte, ein Lied in den USA auf. Der bekannte jiddische Tango „Vi ahin soll ich geyn?“ [Text: Igor S. Kornteyer (1890-1941), Musik: Oskar Strok (1893-1975)] wurde im Warschauer Ghetto geschrieben, in den Konzentrationslagern gesungen und war später Ausdruck der Ausweglosigkeit und zugleich Hoffnung in den Displaced Persons Camps; der Text reflektierte diese Erfahrungen, nicht nur durch seine Sprache, sondern vielmehr durch seine Bedeutung und seinen Sinn. Seit den 1950er Jahren drückte das Lied als Soul- und Bluessong der African-American-Civil-Rights-Bewegung die Subjektivität einer neuen emanzipatorischen Bewegung aus, in dessen Wiederkehr das „Echo des Originals“ (Benjamin) eingeschrieben blieb und zugleich neu angeeignet wurde. „Where Can I Go?“ ist das letzte Lied auf der zweiten Seite der Schallplatte „The World of Miriam Makeba“. Besucher_innen sind eingeladen das Lied selbst abzuspielen. (Texte: Andrea Bellu und Matei Bellu)
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Ausstellungsansicht. Foto: WEST. Fotostudio
Kuda.org/Group for Conceptual Politics: Bark, 2016, HD-Video
Zoran Todorovic: Several Panoramas for One Phenomenology of the Irrational, 2015, 3 HD-Videos


Bark von kuda.org/GKP ist ein Beitrag zu beziehungsweise die Umarbeitung eines Teils von Several Panoramas for One Phenomenology of the Irrational von Zoran Todorovic. Auf Grund ihrer Forschung und ihren Publikationsaktivitäten rund um die Belgrader Gruppe der Surrealisten lud der Künstler Zoran Todorovic die Mitglieder von kuda.org/Group for Conceptual Politics (kuda.org/GKP) zur Teilnahme an einem Projekt ein, das darauf abzielte, eine Serie von Gesprächen an bedeutenden Orten kultureller und politischer Auseinandersetzung im ehemaligen Jugoslawien zu inszenieren. Die jeweiligen Diskutant_innen Biljana Andonovska, Ivana Momcilovic und Slobodan Karamanic sowie die GKP-Mitglieder Branka Curcic und Zoran Gajic wurden folglich an drei unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten in drei Gespräche involviert. An jedem Ort versuchten sie, über ihre jeweils unterschiedlichen Sichten auf die Rolle der Belgrader Gruppe der Surrealisten in den militärischen und politischen Historien des ehemaligen Jugoslawien neue Geschichten, Spannungen und zeitgenössische Bedingungen für die kulturelle Produktion zu erschließen. Bei den Orten handelt es sich um das Museum für Zeitgenössische Kunst in Belgrad, um Sutjeska, den heutigen Nationalpark in Bosnien-Herzegowina und ehemaligen Schauplatz einer der Schlüsselkämpfe im Zweiten Weltkrieg (ein Wendepunkt für den Kampf der kommunistischen Widerstandsgruppen gegen die Achsenmächte; hier demonstrierte der surrealistische Dichter Konstantin „Koca“ Popovic seinen Willen, den Stift beiseite zu legen und stattdessen für seinen Kampf als Partisan ein Gewehr in die Hand zu nehmen) sowie um Vrnjacka Banja, heute ein Kurort in Serbien, damals jedoch ein Sanatorium, in dem Marko Ristic, ein weiterer Belgrader Surrealist, den Krieg auf unbehaglich bequeme Weise aussaß.

Bark, die Intervention von kuda.org/GKP in Todorovics Several Panoramas..., fügt einen weiteren Schauplatz hinzu, der jedoch keine Stätte vergangener geschichtlicher Ereignisse und Orte darstellt, sondern vielmehr einen realen Ort gegenwärtiger polemischer Debatten, die um Fragen nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Politik geführt werden: den Arbeitsraum von kuda.org/GKP. Die Audiospur des vierten Videos artikuliert in diesem Sinne die „Kämpfe“ in Kunst und Aktivismus auf dem jetzigen Terrain des ehemaligen Jugoslawien (der gesprochene Text stammt aus „The University and the Academy Are Today’s Political and Conceptual Super-Ego“ von Group for Conceptual Politics (1)).

Im Rahmen der Präsentation der Several Panoramas... im Kunstpavillon wird die Arbeit nicht ins Englische oder Deutsche übersetzt, was eine Begegnung mit ihrer Undurchsichtigkeit und ihrer irreduktiblen Faktizität ermöglicht. Bark wurde von Elementen eines früheren Kunstwerks von Zoran Todorovic mit dem Titel Gypsies and Dogs beeinflusst (2). Diese Arbeit wurde kontrovers rezipiert und provozierte eine Diskussion über politische Korrektheit; sie setze ein Nachdenken in Gang über das, was man eine „Kulturalisierung der Politik“ nennen könnte, insbesondere über die Kulturalisierung der Politik der Kunst. Mit „Kulturalisierung“ ist in diesem Zusammenhang die Reduktion von Politik auf Kultur gemeint; die Politik wird dabei als kulturelle Instanz naturalisiert. Die Auffassung von Kultur als „spontane soziale Tatsache“ betrachten kuda.org/GCP als ein reaktionäres Konzept.

Für Todorovics Arbeit Gypsies and Dogs wurden Kameras an streunenden Hunden und Roma-Kindern angebracht, die auf den Straßen betteln. Die entstandenen Aufnahmen legen auf diese Weise ein mechanisch erzeugtes Zeugnis der Situation von Hunden und Roma-Kindern ab. Der entsubjektivierende Prozess des Aufnehmens anstelle eines Herstellens und die darauf folgenden Diskussionen ermutigten kuda.org/GCP, ähnliche Grundsätze der Interpretationsfreiheit und der Organisation bei der Produktion von Bark auf das Material der Several Panoramas... anzuwenden. Sie übernahmen die „Sichtweise der Hunde“, indem sie gegenüber den Ansprüchen an die Notwendigkeit einer Übersetzung, des Verstehens oder einer Interpretation eine Art Taubheit kultivierten und auf diese Erwartungen mit dem ausgestellten Kunstwerk reagierten. Damit beabsichtigen kuda.org/GCP die Arbeit für mögliche Verbindungen offen zu halten, die eine ästhetische Erfahrung hervorrufen können.
(Textvorlage: kuda.org/GKP)

1 http://www.metamute.org/community/your-posts/translation-anomiebonhomie-serbo-croatian
2 http://www.zorantodorovic.com/gypsies_and_dogs.htm
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Ausstellungsansicht. Foto: WEST. Fotostudio
Anthony Iles & Marina Vishmidt: Treason and Form: Reflections on Art and
Thought
, 2016,HD-Video, 98 min.


Grundlage des Beitrags von Anthony Iles und Marina Vishmidt in der Ausstellung ist die gleichnamige Diskussion, die am 17. Juni zwischen ihnen und Mitgliedern von kuda.org / Group for Conceptual Politics im Kunstpavillon stattfand. Ausgehend vom konkreten Beitrag von Zoran Todorovic und kuda.org / GKP sowie von der Idee des 360-Grad Panoramas als einer Repräsentationsform der Kulturalisierung von Politik ging es in der Diskussion um Fragen politischer und künstlerischer Form in ihren gegenseitigen Spannungen und Annäherungen. Welche Methoden ermöglichen uns in diesem Feld aktiv zu werden, ohne dabei aber vorhandene Konzepte zu reifizieren und das Spekulative im Zentrum unserer Untersuchungen beizubehalten? Was würde es bedeuten, uns selbst als „Subjekte, die zu Technologie erstarrt sind“ (Theodor W. Adorno) zu verstehen, oder als geschichtlich hergestellte Objekte, die „durch die Schaffung von Beziehungen kulturell miteinander verbunden sind“ (Howard Slater)? (Text: Anthony Iles & Marina Vishmidt)
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Ausstellungsansicht. Foto: WEST. Fotostudio
Die Teilnehmer_innen an der Ausstellung:

Andrea Bellu und Matei Bellu entwickeln ihre kollektiven künstlerischen Arbeiten installativ. Sie arbeiten oft mit anderen Künstler_innen und Wissenschaftler_innen zusammen. Ausgehend von post-kolonialen, migrantischen und feministischen Perspektiven versuchen sie vorherrschenden Narrationen der Geschichte weitere Risse und Brüche hinzuzufügen.

Fokus Grupa ist ein im kroatischen Rijeka beheimatetes Künstler_innenkollektiv, dessen Arbeiten die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bezugssysteme im Kunstbereich beleuchten. Ihre künstlerische Praxis ist kollaborativ und interdisziplinär und umfasst Kunst und Design ebenso wie kuratorische Arbeit. Fokus Grupa befasst sich schwerpunktmäßig mit dem Verhältnis zwischen Kunst und ihren öffentlichen Manifestationen im Hinblick auf Arbeitskultur, Ästhetik und soziale und wirtschaftliche Tauschwerte.
http://fokusgrupa.net

Group for Conceptual Politics (Grupa za konceptualnu politiku) ist eine künstlerische und politische Initiative aus Serbien, die auf Grund einer schwindender Kultur konfliktualer Auseinandersetzung und der Verteidigung eigener Standpunkte in der Region entstand. Die Gruppe verfolgt die Absicht einen Raum zu schaffen, der ironisch als „institutionelle Kommune“ aufgefasst wird. Die Arbeit der Gruppe kann als das politische Projekt der Dekonstruktion vorherrschender Kulturpolitik und staatlicher Bildungsdispositive verstanden werden.
http://konceptualnapolitika.blogspot.co.com

Anthony Iles lebt in London und schreibt kritische und fiktionale Texte. Er ist Doktorand an der Middlesex University, Redaktionsmitglied des Mute / Metamute Magazins für Netzkultur metamute.org und Mitherausgeber von Anguish Language (Archive Books, 2015), einer Publikation über den Zusammenhang zwischen Schreiben und Krise.

kuda.org, ist eine unabhängige Kulturinitiative mit Sitz in Novi Sad (Serbien). Seit 2001 bringt sie Künstler_innen, Theoretiker_innen, Medienaktivist_innen, Forscher_innen und eine an Theorien und Praktiken der Gegenwartskunst, Kulturpolitik, Aktivismus und Politik im Allgemeinen interessierte Öffentlichkeit zusammen. kuda.org interveniert vom Feld der künstlerischen beziehungsweise kulturellen Produktion aus in die Sphären von Forschung, Kunst und sozialer Praxis, indem sie sich institutionskritisch artikuliert und herrschende kulturpolitische Paradigmen hinterfragt.
http://kuda.org

Marina Vishmidt lebt als Autorin in London und befasst sich in ihrer Praxis vornehmlich mit Fragen zu Kunst, Arbeit und der Wertform. Sie ist Autorin der Publikationen Speculation as a Mode of Production (Brill, im Erscheinen) und Reproducing Autonomy: Work, Money, Crisis & Contemporary Art [mit Kerstin Stakemeier (Mute, 2016)].

Benjamin Tiven ist ein amerikanischer Filmemacher und Autor. In seiner Arbeit setzt er sich mit den politischen, technologischen und wirtschaftlichen Dimensionen öffentlicher Medien auseinander. Darüber hinaus befasst er sich mit der Ästhetik des Fernsehens, wenn diese auf das Kino angewandt wird sowie mit der imaginierten Narration realer Ereignisse.
http://benjamintiven.com

Zoran Todorović wurde 1958 in Gornji Milanovac, Serbien geboren. Er graduierte an der Universität für angewandte Kunst Belgrad in der Abteilung für Grafik und widmete sich ebenda ergänzenden postgradualen Studien. Todorović ist als Professor für Grafik mit Technologie an der Akademie der Künste Novi Sad tätig. Seine Arbeiten wurden in Einzelausstellungen in Belgrad, Varna, Thessaloniki, Paris und Podgorica gezeigt.
http://www.zorantodorovic.com/

Erik Wysocan untersucht in seiner künstlerischen Arbeit die materiellen Prozesse der Bildbearbeitung. In einem Rückgriff auf Prozesse historischer Erinnerung, denkt er das Bild mehr als Instrument denn als Artefakt, das die Physikalität der Information mit den kulturellen Verästelungen der Technologien von Sichtbarmachung verhandelt. Er lebt und arbeitet in New York.
http://erikwysocan.com
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Eröffnung: Donnerstag, 16. Juni 2016 um 19.00
Begrüßung: Lizzy Fidler, Vorstandsmitglied, Tiroler Künstlerschaft
Einführung: Andrei Siclodi, Kurator

Veranstaltungen
Diskussion: Freitag, 17. Juni um 19.00, Treason and Form: Reflections on Art and Thought, mit Anthony Iles, kuda.org & Group for Conceptual Politics, Marina Vishmidt
Filmvorführungen: Samstag, 18. Juni um 17.00 und 20.00, A Variable Prism, mit Filmen von Zachary Formwalt, Marine Hugonnier, Lucy Raven, Oleg Tcherny - im KÜNSTLERHAUS BÜCHSENHAUSEN, Weiherburggasse 13, Innsbruck
Vortrag: Dienstag, 21. Juni 2016 um 19.30, Hotel-Camp: Liminality and Heterotopia in Tourism, von Michael Zinganel

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Dank an:
Martin Reinisch STOlogoneuhomepageneu.jpg, Hermann Tschabrun GmbH, und Otto Wulz, AV4art